Wenn Lebensweise mit Biologie verwechselt wird
Normalität ist ein merkwürdiger Maßstab. Sie fühlt sich objektiv an, ist aber oft nur Gewohnheit. Was viele Menschen täglich erleben, gilt irgendwann als selbstverständlich. Müdigkeit am Morgen. Kopfdruck nach Stunden in Innenräumen. Gereiztheit, Konzentrationsprobleme, schlechte Stimmung, flacher Schlaf, das Bedürfnis, ständig Kaffee zu brauchen. All das erscheint uns normal, nicht weil es biologisch selbstverständlich wäre, sondern weil es so viele betrifft, dass kaum noch jemand fragt, ob es überhaupt normal sein sollte.
In Dicke Luft erzählen wir von genau dieser Verstörung. Nicht nur davon, dass wir krank waren, sondern davon, dass wir vieles, was mit uns geschah, lange gar nicht als Störung erkannten. Zustände, von denen wir nicht einmal wussten, dass sie nicht normal waren. Sie waren so tief in unseren Alltag eingebrannt, dass sie uns wie Teil unserer Persönlichkeit, unseres Alters oder einfach unseres Lebens erschienen. Erst als sich nach Day Zero vieles veränderte, wurde sichtbar, dass wir jahrelang etwas für normal gehalten hatten, das womöglich nur das Resultat unserer Lebensweise war.
Wenn Gewohnheit zur Wahrheit wird
Der moderne Mensch lebt heute anders, als sein Körper es über den größten Teil seiner Geschichte kannte. Er verbringt den überwiegenden Teil seines Lebens in Innenräumen. Er schläft drinnen, arbeitet drinnen, lernt drinnen, fährt in geschlossenen Fahrzeugen, isst drinnen, erholt sich drinnen und hält sich selbst dann oft noch drinnen auf, wenn draußen eigentlich Raum, Luft und Bewegung warten würden.
Gerade darin liegt das Problem. Was allgegenwärtig ist, wird nicht mehr hinterfragt. Wenn fast alle Menschen müde sind, gilt Müdigkeit als normal. Wenn fast alle schlecht schlafen, wird schlechter Schlaf zur Nebensache. Wenn Reizbarkeit, Brain Fog, Kopfschmerzen oder Konzentrationsprobleme zum Alltag vieler gehören, erscheinen sie irgendwann wie ein unvermeidlicher Teil des Lebens — nicht wie mögliche Hinweise darauf, dass mit unserem Umfeld etwas nicht stimmt.
Unsere Lebensweise ist nicht neutral
Das Buch zeigt an vielen Stellen, wie tief sich moderne Lebensweisen in unsere Vorstellung von Gesundheit eingeschrieben haben.
Besonders eindrücklich ist der Gedanke, dass Luft für uns kaum als Einflussfaktor existiert, obwohl sie die wichtigste Komponente unseres Stoffwechsels ist. Ein Mensch atmet täglich rund 20.000 Liter Luft ein, viel mehr Masse und ungleich mehr Volumen als von dem, was er an Nahrung zu sich nimmt. Und dennoch prüfen wir unsere Lebensmittel, lesen Zutatenlisten, diskutieren über Zucker, Gluten oder Eiweiß — während wir die Luft, die uns fortwährend umgibt, kaum als biologisch wirksames Medium begreifen.
Vielleicht fühlen wir uns nicht „normal“, sondern nur angepasst
Einer der verstörendsten Gedanken in Dicke Luft ist deshalb nicht, dass Luft krank machen könnte. Sondern dass der Mensch sich an vieles anpasst, was ihm nicht guttut — so lange, bis diese Anpassung wie Normalität erscheint. Im Buch wird beschrieben, wie sich Beschwerden schleichend entwickeln und gerade deshalb kaum mit der Umgebung in Verbindung gebracht werden.
Vielleicht ist das, was wir gewöhnlich für Belastbarkeit halten, manchmal nur eine Form von Gewöhnung. Vielleicht ist das, was wir als persönliche Eigenart deuten, mitunter nur ein Zustand. Und vielleicht ist das, was wir normal nennen, nicht biologische Normalität, sondern ein Kompromiss des Körpers mit Bedingungen, an die er sich nie wirklich hätte anpassen sollen.
Früher war nicht alles besser — aber manches biologischer
Das Buch romantisiert die Vergangenheit nicht. Aber es zeigt einen Kontrast. Kinder verbrachten früher deutlich mehr Zeit draußen. Fenster wurden selbstverständlich geöffnet. Bettdecken ausgelüftet. Reinigungsmittelgerüche hinausgelassen. Luft galt nicht als Luxus, sondern als Teil des Lebens. Im Rückblick entsteht daraus eine unbequeme Frage: Haben wir mit wachsender Bequemlichkeit, Energieeffizienz und Technisierung nicht nur Komfort gewonnen, sondern uns zugleich immer weiter von Bedingungen entfernt, die dem Menschen biologisch näher liegen?
Gerade deshalb wirkt vieles so harmlos. Nicht, weil es harmlos ist, sondern weil es kollektiv geworden ist. Ein ganzes Zeitalter kann sich an ungesunde Bedingungen gewöhnen und sie gerade deshalb für normal halten.
Warum wir darüber schreiben
Dicke Luft ist auch die Geschichte eines Irrtums: des Irrtums, dass das Häufige automatisch das Natürliche sein müsse. Wir zeigen, wie tief sich unsere Lebensweise in unser Verständnis von Gesundheit eingeschrieben hat und wie leicht man ihre Folgen für unvermeidlich hält, nur weil fast alle ähnlich leben. Das Buch stellt deshalb eine einfache, aber unbequeme Frage: Was, wenn viele unserer alltäglichen Beschwerden nicht Ausdruck biologischer Normalität sind, sondern Zeichen dafür, wie weit wir uns von ihr entfernt haben?
Vielleicht beginnt die entscheidende Frage anders
Vielleicht ist das, was wir heute für normal halten, in vielen Fällen nichts anderes als statistische Gewöhnung. Vielleicht ist biologische Normalität nicht das, woran wir uns im Alltag angepasst haben, sondern etwas, das wir längst aus dem Blick verloren haben.
Und vielleicht beginnt die entscheidende Frage deshalb nicht nur bei unseren Symptomen, sondern bei der Lebensweise, die wir so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie nicht mehr von Gesundheit unterscheiden können.
Mehr zu dieser Spurensuche erzählen wir in unserem Buch Dicke Luft.