Was, wenn wir hier an der falschen Stelle suchen?
Fibromyalgie gilt meist als chronisches Schmerzsyndrom mit unklarer Ursache. Beschrieben werden weit verbreitete Muskel- und Weichteilschmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen, Reizempfindlichkeit und kognitive Beschwerden, die oft als „fibro fog“ erlebt werden. Diskutiert werden Störungen der Schmerzverarbeitung, Stress, traumatische Erfahrungen und weitere Belastungsfaktoren. Doch was, wenn auch Umweltfaktoren eine größere Rolle spielen, als bisher angenommen? Was, wenn ausgerechnet die Luft in Innenräumen Schmerzen, Erschöpfung und Reizüberlastung stärker beeinflusst, als uns bewusst ist?
In Dicke Luft erzählen wir nicht nur von Diagnosen und Symptomen, sondern von einer verstörenden Frage: Könnte Raumluft bei Fibromyalgie-ähnlichen Beschwerden ein unterschätzter Auslöser oder Verstärkungsfaktor sein?
Wenn der Schmerz plötzlich einen Namen hat
Als Monika sich mit dem Buch Fibromyalgie von Dr. med. R. Paul St. Amand beschäftigte, erkannte sie darin zahlreiche Überschneidungen mit ihrem eigenen Leben. Für sie fühlte es sich ähnlich an wie für mich die ADHS-Diagnose zuvor: als würde endlich jemand Symptome und Verhaltensweisen beschreiben, die so eng mit der eigenen Geschichte übereinstimmen, dass kaum Raum für Zweifel bleibt.
Und tatsächlich passte vieles. Über Jahre hinweg hatten sich Schmerzen, Erschöpfung, Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen und weitere Beschwerden aufgebaut. Dazu kamen immer neue Untersuchungen, auffällige, aber nicht eindeutige Befunde und eine wachsende Zahl möglicher Diagnosen, darunter Weichteilrheuma und Fibromyalgie. Alles ergab ein Bild. Nur keine Klarheit und vor allem keine Lösung.
Eine Krankheit, die vieles erklärt – aber nicht alles
Fibromyalgie wird oft als Erkrankung beschrieben, bei der harmlose Reize übersteigert als Schmerz, Druck oder Brennen wahrgenommen werden. Häufig treten zusätzlich Erschöpfung, Schlafstörungen, Reizdarm, Migräne, Depressionen und geistige Erschöpfung auf. Die Erkrankung ist für viele Betroffene nicht nur wegen der Schmerzen belastend, sondern auch wegen ihrer Unsichtbarkeit und der Tatsache, dass sie medizinisch oft nicht eindeutig nachweisbar ist.
Genau das machte unsere eigene Suche so schwierig. Vieles passte. Aber zugleich blieb offen, warum sich Beschwerden je nach Ort, Raum und Lebenssituation so stark verändern konnten.
Was, wenn es nicht nur um Schmerzverarbeitung geht?
Im Buch beschreiben wir, wie sich mit der Zeit ein anderer Gedanke aufdrängte. Bis dahin hatten wir meist versucht, Beschwerden durch das Hinzufügen weiterer Mittel zu lindern: Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, spezielle Ernährungsformen, Aromatherapie oder andere Ansätze. Der Fibromyalgie-Ansatz rund um Guaifenesin und Salicylate öffnete uns erstmals die Augen für eine andere Richtung: Vielleicht stand nicht nur ein Mangel im Vordergrund, sondern womöglich auch ein Zuviel an Stoffen, die wir unbemerkt aufnahmen und nicht ausreichend abbauen konnten.
Zunächst dachten wir dabei vor allem an Nahrung oder Pflegeprodukte. Doch von dort war es nur noch ein Schritt zu einer weiteren Frage: Über welche Wege nehmen wir sonst noch täglich Stoffe auf, ohne es zu merken?
Schmerzen, Erschöpfung, fibro fog
Was Fibromyalgie so schwer greifbar macht, ist die Mischung der Symptome. Im Buch wird Fibromyalgie nicht als klar abgegrenztes Einzelproblem sichtbar, sondern als Teil eines ganzen Symptomfeldes: Schmerzen, Schlaflosigkeit, Brain Fog, Reizempfindlichkeit, Kreislaufprobleme, Müdigkeit, Konzentrationsverlust und Belastungsintoleranz. Immer wieder entstand der Eindruck, dass verschiedene Diagnosen oft eher unterschiedliche Namen für ähnliche Grundzustände liefern.
Gerade deshalb wurde für uns die Frage immer drängender, ob die Umgebung selbst ein Teil des Problems sein könnte.
Denn wenn Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Reizüberlastung und vegetative Dysregulation zugleich zu Fibromyalgie, ADHS, Long COVID, Angststörungen oder Burnout passen können, dann stellt sich unweigerlich die Frage nach möglichen gemeinsamen Einflussfaktoren.
Raumluft als möglicher Verstärkungsfaktor
Wir behaupten nicht, dass Fibromyalgie pauschal durch schlechte Raumluft verursacht wird. So einfach ist es nicht. Auch unser Buch gibt darauf keine einfache Antwort. Aber wir halten es für plausibel, dass belastete Innenräume bei manchen Menschen ein relevanter Verstärkungsfaktor sein könnten.
Denn im Buch wird ausdrücklich beschrieben, dass bei Fibromyalgie neben Stress und Trauma auch Umwelt- und Belastungsfaktoren diskutiert werden. Gleichzeitig zeigen andere Passagen, wie Luftschadstoffe oxidativen Stress auslösen und Systeme beeinflussen könnten, die in der Literatur auch im Zusammenhang mit Fibromyalgie und stressassoziierten Regulationsstörungen diskutiert werden.
Das ist kein Beweis. Aber es ist ein Gedanke, den wir nach unseren Erfahrungen nicht mehr ignorieren können.
Warum uns dieses Thema nicht mehr loslässt
Was uns an Fibromyalgie besonders erschüttert hat, war nicht nur der Schmerz selbst. Es war die Ratlosigkeit. Die vielen Fachrichtungen, die vielen Untersuchungen, die vielen Namen für Zustände, die sich am Ende doch immer wieder ähnlich anfühlten. Und die Erfahrung, dass man mit realen Beschwerden oft dort landet, wo man als psychosomatisch, funktionell oder nicht eindeutig einordenbar gilt.
Gerade deshalb erschien uns die Luft irgendwann nicht mehr als Nebensache, sondern als etwas, das endlich mitgedacht werden muss.
Warum wir darüber schreiben
Dicke Luft ist kein Versuch, Fibromyalgie einfach umzudeuten. Es ist eine persönliche Spurensuche. Eine Geschichte über Schmerzen, Erschöpfung, Diagnoseketten und die allmähliche Erkenntnis, dass wir womöglich nicht nur im Körper, nicht nur in der Psyche und nicht nur in der Biografie suchen dürfen, sondern auch in dem Raum, in dem ein Mensch lebt, schläft und atmet.
Das Buch verbindet persönliche Erfahrungen mit wissenschaftlichen Hinweisen auf die gesundheitliche Bedeutung von Innenraumluft. Es stellt Fragen, die im medizinischen Alltag oft zu selten gestellt werden. Und es lädt dazu ein, Fibromyalgie nicht nur als feststehendes Schicksal zu betrachten, sondern auch als Anlass, Umweltfaktoren ernster zu nehmen.
Vielleicht liegt ein Teil der Antwort in der Luft
Vielleicht ist Fibromyalgie in vielen Fällen genau das, was die Medizin heute darunter versteht: ein chronisches Schmerzsyndrom mit komplexem Beschwerdebild, dessen Ursachen als multifaktoriell gelten und nicht abschließend geklärt sind. Vielleicht gibt es aber auch Fälle, in denen Raumluft, Luftschadstoffe oder bestimmte Expositionen stärker mitwirken, als bisher angenommen. Vielleicht ist Luft nicht die ganze Erklärung. Aber vielleicht ist sie ein fehlendes Puzzleteil.
Und vielleicht beginnt die entscheidende Frage nicht nur im Nervensystem, sondern auch in dem Raum, in dem dieses Nervensystem Tag für Tag atmet.
Mehr zu dieser Spurensuche erzählen wir in unserem Buch Dicke Luft.