Was, wenn wir an der falschen Stelle suchen?

Post-Covid, Long Covid und ME/CFS stehen für Zustände, die viele Betroffene als tiefen Einbruch in ihr Leben erleben: Erschöpfung, Brain Fog, Reizempfindlichkeit, Kreislaufprobleme, Schlafstörungen, Schmerzen und das Gefühl, dass selbst kleinste Belastungen zu viel werden. Doch was, wenn bei solchen Symptomkomplexen nicht nur Infektionen, Immunsystem oder Stress eine Rolle spielen, sondern auch ein Umweltfaktor, der fast immer übersehen wird: die Luft in Innenräumen?

In Dicke Luft erzählen wir von einer Zeit, in der unsere Beschwerden plötzlich auffällig gut zu dem passten, was in den Medien und im Internet als Post-Covid oder Long Covid beschrieben wurde. Gleichzeitig stießen wir auf eine irritierende Beobachtung: Dieselben Symptome tauchten auch bei vielen anderen Diagnosen auf — bei ME/CFS, Dysautonomie, POTS, Burnout, Angststörungen, Fibromyalgie und weiteren Beschwerdebildern. Genau dort begann für uns eine neue Frage: Geht es hier wirklich um viele völlig verschiedene Krankheiten — oder womöglich um überlappende Zustände, die auch durch die Umwelt mitgeprägt werden?

Wenn plötzlich alles zusammenpasst

Im Buch beschreiben wir, wie nach dem ersten Lockdown und einer Erkrankung mit Fieber auf einmal jedes Detail in das Bild von Post-Covid zu passen schien. Kurzatmigkeit, Schwindel beim Aufstehen, Brain Fog, Gereiztheit, extreme Erschöpfung, Herzrasen, kalte Hände und Füße, Schlafstörungen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Kopfschmerzen und gelegentliche Orientierungslosigkeit. Dazu kamen Muskel- und Gelenkschmerzen, Zittern, Kribbeln, Taubheitsgefühle, Magen-Darm-Beschwerden, Heißhunger, Sehstörungen, Tinnitus, Ohrdruck, Schwitzen sowie das Gefühl, nicht tief genug einatmen zu können. Nichts davon war eindeutig — und genau deshalb wirkte es so überzeugend.

Eine Diagnose — oder nur ein Name für ein Muster?

Je mehr wir suchten, desto länger wurde die Liste möglicher Erklärungen. ME/CFS. Long Covid. Post-Covid-Syndrom. Dysautonomie. POTS. Mastzellaktivierung. Migräne. Burnout. Depression. Angststörung. Schlafstörungen. Immer wieder tauchten dieselben Kernsymptome auf: Erschöpfung, Brain Fog, Reizempfindlichkeit, Schmerzen, Kreislaufprobleme, Schlaflosigkeit, Konzentrationsverlust und Belastungsintoleranz. Im Buch beschreiben wir dieses Erleben sehr klar: Je nachdem, welchen Fragebogen man ausfüllte, bei welchem Facharzt man landete oder welches Symptom im Vordergrund stand, ergab sich ein anderer Name — aber das Grundmuster blieb erstaunlich ähnlich.

Raumluft als möglicher Verstärkungsfaktor

Wir behaupten nicht, dass Post-Covid oder ME/CFS pauschal durch schlechte Raumluft verursacht werden. So einfach ist es nicht. Aber das Buch legt einen anderen Gedanken nahe: Raumluft könnte bei vulnerablen Menschen ein übersehener Verstärkungsfaktor sein. Wenn CO₂, VOCs, Feinstaub, Duftstoffe oder andere Luftschadstoffe Konzentration, Schlaf, Kreislauf, Reizverarbeitung und Erschöpfung beeinflussen, dann könnten sie genau jene Beschwerdebilder verschlimmern, die anschließend unter ganz verschiedenen Namen diagnostiziert werden.

Besonders irritierend ist dabei, dass viele Menschen in solchen Zuständen noch mehr Zeit in Innenräumen verbringen — aus Erschöpfung, aus Rückzug, aus Angst vor Reizen oder weil sie sich dort geschützt fühlen. Das Buch beschreibt genau diese Dynamik: Symptome führen zum Rückzug, der Rückzug verstärkt die Exposition gegenüber verbrauchter oder belasteter Innenraumluft, und genau das könnte wiederum die Beschwerden weiter nähren.

Vielleicht ist Luft nicht die ganze Erklärung — aber ein fehlendes Puzzleteil

Das Buch kommt an dieser Stelle nicht mit einer einfachen Antwort, sondern mit einer unbequemen Frage. Vielleicht sind Post-Covid, ME/CFS und ähnliche Zustände in vielen Fällen genau das, was die Medizin heute darunter versteht. Vielleicht aber gibt es auch Fälle, in denen Raumluft, Luftschadstoffe oder schlecht belüftete Innenräume die Symptomatik stärker mitprägen, als bisher ernsthaft berücksichtigt wird.

Denn eines zeigt unsere Spurensuche sehr deutlich: Viele Symptome, die als neurologisch, psychosomatisch, immunologisch oder funktionell beschrieben werden, können sich in ihrer Alltagswahrnehmung erstaunlich ähnlich anfühlen. Und genau deshalb lohnt es sich, auch die Umwelt ernst zu nehmen, in der ein Mensch lebt, schläft und atmet.

Warum wir darüber schreiben

Dicke Luft ist kein Versuch, Post-Covid oder ME/CFS einfach umzudeuten. Es ist eine persönliche Spurensuche. Eine Geschichte über Symptome, Ratlosigkeit, Diagnosen, Hoffnung und die Möglichkeit, dass ein Teil der Wahrheit nicht nur in Laborwerten, Fragebögen und Krankheitsnamen liegt, sondern auch in dem Raum, in dem ein Mensch Tag für Tag atmet.

Vielleicht beginnt die Suche woanders

Vielleicht sind diese Symptome und Erkrankungen in vielen Fällen genau das, was die Medizin heute darunter versteht: ein komplexes Feld unterschiedlicher Beschwerden, die sich in ihrer Zusammensetzung überlappen und deren Ursachen weiterhin ungeklärt sind. Vielleicht aber gibt es auch Fälle, in denen Umweltfaktoren stärker mitwirken, als wir bisher sehen. Vielleicht ist Raumluft nicht die ganze Erklärung. Aber vielleicht ist sie ein fehlendes Puzzleteil.

Und vielleicht beginnt die entscheidende Frage bei Post-Covid, Long Covid und ME/CFS-ähnlichen Symptomkomplexen nicht nur im Immunsystem, nicht nur im Nervensystem und nicht nur in der Infektion — sondern auch in dem Raum, in dem dieses System jeden Tag lebt und atmet.

Mehr zu dieser Spurensuche erzählen wir in unserem Buch Dicke Luft.