Was, wenn wir an der falschen Stelle suchen?
ADHS gilt meist als neurologische Besonderheit, oft als genetisch mitbedingt und im Gehirn verankert. Doch was, wenn Umweltfaktoren eine größere Rolle spielen, als bisher angenommen? Was, wenn ausgerechnet die Luft in Innenräumen Konzentration, Reizverarbeitung, Impulsivität und Erschöpfung stärker beeinflusst, als uns bewusst ist?
In Dicke Luft erzählen wir nicht nur unsere persönliche Geschichte, sondern gehen auch einer verstörenden Frage nach: Könnte Raumluft bei ADHS-ähnlichen Symptomen ein unterschätzter Auslöser oder Verstärkungsfaktor sein?
Wenn plötzlich alles einen Namen hat
Als wir zum ersten Mal mit dem Thema ADHS in Berührung kamen, war das für uns kein abstrakter medizinischer Begriff. Es war ein Schock. Plötzlich standen da Worte für etwas, das uns ein Leben lang begleitet hatte: Vergesslichkeit, Reizoffenheit, emotionale Überforderung, Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Erschöpfung, das Gefühl, nicht richtig zu funktionieren.
Zum ersten Mal schien es eine Erklärung zu geben.
Die Diagnose passte. Die Beschreibungen passten. Selbst viele Begleitstörungen passten. Und als Medikamente eine deutliche Wirkung zeigten, schien der Fall eindeutig: Endlich ergab unser Leben einen Sinn.
Doch genau dort begann für uns eine noch viel grundlegendere Frage.
Was, wenn es nicht nur ADHS war?
Wir hatten unser Leben lang versucht, unsere Beschwerden zu erklären. Mal waren es Depressionen, mal Stress, mal Schlafprobleme, mal persönliche Schwächen, mal psychosomatische Ursachen. Später schien ADHS alles zu verbinden.
Und doch blieb etwas merkwürdig.
Unsere Symptome waren nicht immer gleich stark. Sie veränderten sich mit Orten, Räumen und Situationen. Es gab Innenräume, in denen wir kaum denken konnten, reizbar wurden, Streit eskalierte oder die Müdigkeit wie eine Welle über uns hereinbrach. Und es gab Momente im Freien oder in gut belüfteten Umgebungen, in denen plötzlich wieder Klarheit möglich war.
Damals hielten wir das nicht für bedeutend. Heute sehen wir es anders.
Konzentration, Reizbarkeit, Brain Fog
Viele Beschwerden, die wir heute selbstverständlich psychologisch oder neurologisch einordnen, können sich auffällig mit den Auswirkungen schlechter Innenraumluft überschneiden.
Dazu gehören unter anderem:
Konzentrationsprobleme, Gedächtnisstörungen, mentale Erschöpfung, Reizbarkeit, innere Unruhe, verringerte Belastbarkeit, emotionale Überreaktionen und das Gefühl eines Nebels im Kopf.
Gerade das machte unsere eigene Spurensuche so irritierend. Denn vieles von dem, was wir über Jahre als ADHS, Erschöpfung oder Teil unserer Persönlichkeit verstanden hatten, schien sich mit veränderter Luftqualität ebenfalls zu verändern.
Nicht schlagartig, nicht magisch, aber deutlich genug, um die bisherige Erklärung infrage zu stellen.
Raumluft als möglicher Verstärkungsfaktor
Wir behaupten nicht, dass ADHS pauschal durch schlechte Raumluft verursacht wird. So einfach ist es nicht. Doch wir halten es für möglich, dass Luftschadstoffe und schlecht belüftete Innenräume bei manchen Menschen eine viel größere Rolle spielen könnten, als bislang angenommen — als Verstärkungsfaktor, als Trigger oder in einzelnen Fällen vielleicht sogar als Mitursache.
Denn wenn sich Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung, Stimmung und Impulskontrolle unter veränderten Umweltbedingungen spürbar verändern, dann darf die Luft nicht länger nur Hintergrund sein.
Dann gehört sie mit in die Betrachtung.
Eine Frage, die wir nicht mehr loswerden
Was uns an diesem Thema besonders beschäftigt, ist nicht nur unsere eigene Geschichte. Es ist die mögliche Tragweite.
Wie viele Kinder sitzen Tag für Tag in Klassenräumen, in denen Konzentration gefordert wird, während die Luft längst verbraucht ist?
Wie viele Erwachsene erleben in Büros, Besprechungsräumen oder zu Hause Erschöpfung, Gereiztheit oder mentale Unklarheit und halten das für ein persönliches Problem?
Wie oft suchen wir die Ursache ausschließlich im Kopf, in der Psyche oder in den Genen, obwohl vielleicht auch der Raum selbst eine Rolle spielt?
Warum wir darüber schreiben
Dicke Luft ist kein Versuch, einfache Antworten zu geben. Es ist eine persönliche Spurensuche. Eine Geschichte über Diagnosen, Symptome, Verzweiflung, Selbstzweifel und die allmähliche Erkenntnis, dass wir womöglich an der falschen Stelle gesucht haben.
Das Buch verbindet unsere Erfahrungen mit wissenschaftlichen Hinweisen auf die gesundheitliche Bedeutung von Innenraumluft. Es stellt Fragen, die im Alltag kaum gestellt werden. Und es lädt dazu ein, scheinbar vertraute Diagnosen aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Vielleicht beginnt die Suche woanders
Vielleicht ist ADHS in vielen Fällen genau das, was
die Medizin heute darunter versteht: ein
Störungsbild mit typischen Symptommustern, dessen
Ursachen als multifaktoriell gelten und nicht
eindeutig erklärbar sind.
Vielleicht aber gibt es
auch Fälle, in denen Umweltfaktoren stärker mitwirken,
als wir bisher sehen. Vielleicht ist Raumluft nicht die
ganze Erklärung. Aber vielleicht ist sie ein fehlendes
Puzzleteil.
Und vielleicht beginnt die entscheidende Frage nicht nur im Gehirn, sondern in dem Raum, in dem dieses Gehirn Tag für Tag atmet.
Mehr zu dieser Spurensuche erzählen wir in unserem Buch Dicke Luft.