Monika Ewa Proß ist Mitautorin von Dicke Luft. Sie bringt in das Buch nicht nur ihre eigene Lebensgeschichte ein, sondern auch eine besondere Form der Wahrnehmung: die Fähigkeit, Räume, Stimmungen und Belastungen früh zu spüren und ernst zu nehmen.

Sie beschreibt sich selbst als sensibel und stark zugleich. Sensibel, weil sie mehr wahrnimmt, als andere manchmal sehen, riechen oder verstehen wollen. Stark, weil sie gelernt hat, sich zu behaupten, Grenzen zu setzen und abzuwägen, wann ein Ort, eine Situation oder ein Mensch ihr guttut — und wann nicht. Einen schlechten Raum würde sie nicht ohne triftigen Grund betreten. Ihr Leben war immer wieder geprägt von dieser Abwägung: gesund bleiben und trotzdem tun, was getan werden muss.

Ihre Stärke ist keine Härte. Sie entsteht aus einer abgöttischen Liebe für das Leben. Aus Neugier, Eigenwillen, Überlebenskraft und dem Wunsch, Menschen, Räume und Zusammenhänge wirklich zu verstehen.

Dicke Luft ist für sie kein Buch aus der Distanz. Ohne ihren Weg, ihre Erlebnisse und ihre Wahrnehmung gäbe es dieses Buch nicht in dieser Form. Ohne Andreas nicht das heutige Ich, ohne Monika nicht diesen Andreas — und ohne beide nicht Dicke Luft.


Ausführlicher Lebenslauf

Ich wurde 1977 in Polen geboren und verbrachte meine frühe Kindheit in Danzig. Als Kind war ich ein Freigeist. Ich ging nicht in den Kindergarten und verbrachte viel Zeit draußen, in der Stadt, auf Spaziergängen, am offenen Fenster oder mit meiner Großmutter vor der Hala Targowa, wo wir Blumen verkauften. Von dem Geld konnte ich mir Eis kaufen. Ich hatte Freunde, später in der Schule noch mehr, und doch zog es mich immer wieder hinaus: in Gärten, an den Strand, an Orte, an denen ich frei atmen und für mich sein konnte.

Schon früh nahm ich Räume, Stimmungen und Belastungen intensiver wahr als viele andere. Mit etwa sieben Jahren erlebte ich Nächte, in denen Angst, Bilder und körperliche Reaktionen ineinandergriffen. Damals wurde vieles als kindliche Fantasie oder Krankheit gedeutet. Heute sehe ich es anders. Vielleicht versuchte meine kindliche Vorstellungskraft, mir eine Bedrohung zu zeigen, für die ich noch keine Worte hatte. Erst im Schreibprozess zu Dicke Luft begann ich, diese frühen Erfahrungen neu einzuordnen.

In der Schule stellte ich viele Fragen — manchmal zu viele oder solche, auf die Erwachsene keine Antwort geben wollten oder konnten. Dann saß ich auch einmal vor der Klasse. Zu Hause war es nicht immer leicht. In der Schulzeit war ich oft ein Schlüsselkind, aber ich mochte diese Selbstständigkeit. Ich saß am offenen Fenster, beobachtete Menschen und schrieb meine ersten Gedichte.

Mit zwölf Jahren kam ich mit meiner Familie nach Deutschland. Vieles veränderte sich auf einmal. Ich war fremd in der neuen Sprache, in der neuen Umgebung und lange Zeit die einzige Ausländerin an meiner Schule. Gleichzeitig verlor ich auch in Polen ein Stück Zugehörigkeit. Dort war ich plötzlich die Deutsche, die weggegangen war — manchmal sogar die Verräterin. So entstand ein Dazwischen, das viele Jahre weh tat. Besonders am Anfang weinte ich mich oft in den Schlaf und hasste diese neue Welt, in die ich nicht freiwillig hineingewachsen war.

Was mich durch diese Zeit trug, war meine Neugier. Ich hörte nie auf, nach draußen zu wollen, Menschen kennenzulernen und die Welt zu verstehen — auch dann nicht, wenn ich die Sprache noch nicht verstand. Freunde spielten dabei eine wichtige Rolle. Bei ihnen musste ich mich nicht erklären. Sie nahmen mich, wie ich war. Schwieriger war es oft mit Erwachsenen. Dort erlebte ich häufiger Bewertung, Erwartungen oder Unverständnis.

Beruflich ging ich viele Wege. Ich absolvierte eine Ausbildung im IT-Bereich und arbeitete später in mehr als zwanzig unterschiedlichen Berufen: unter anderem in der Industrie, im Prototypenbau, in der IT, in der Montage, im Außendienst und im Vollzugsdienst. Diese vielen Stationen erzählen für mich nicht von Stillstand, sondern von Neugier. Jeder neue Beruf, jede neue Aufgabe und jedes neue Umfeld bedeuteten eine Möglichkeit: etwas lernen, Menschen kennenlernen, Zusammenhänge verstehen, mehr von der Welt begreifen. Manchmal fühlte es sich an, als würde ich jedes Mal eine neue Spezies kennenlernen.

Eine besonders prägende Station war meine Arbeit im Vollzugsdienst. Dort fühlte ich mich wirksam. Ich übernahm Verantwortung, vertrat die Marktmeisterin und hatte Aufgaben, die zur Ordnung der Stadt beitrugen. Ich fühlte mich gebraucht — und ich fürchtete mich nicht mehr. Diese Arbeit gab mir das Gefühl, einen Platz zu haben, an dem meine Stärke, mein Blick für Menschen und mein Sinn für Ordnung gebraucht wurden.

Dass ich diesen Weg verließ, lag nicht an fehlender Kraft oder fehlender Perspektive. Es lag an Andreas. Bei ihm war etwas anders. Er war wie ich. Er spürte mich. Er sah mich. Ich musste mich nicht ständig erklären oder übersetzen. Zum ersten Mal fühlte sich Nähe nicht automatisch wie Anpassung an und Ehrlichkeit nicht wie Verrat.

Ich sah in Andreas nicht den beschädigten Menschen, den andere aus ihm gemacht hatten, sondern einen verwandten Geist. Die Welt hatte ihm lange eingeredet, minderwertig zu sein. So sah ich ihn nie. Wenn ich selbst nicht minderwertig war, konnte er es auch nicht sein. In ihm erkannte ich eine andere Hälfte meines eigenen Wesens — nicht als Besitz, sondern als Wiedererkennen.

Mein Leben war immer wieder von gesundheitlichen Rückschlägen, Schmerzen, psychischen Belastungen und ungeklärten Beschwerden geprägt. Trotzdem möchte ich nicht als hilflos beschrieben werden. Ich bin meinen Weg gegangen, oft allein, manchmal mit Weggefährten, die mir halfen. Meine Stärke war nie nur Kampf oder Trotz. Sie war und ist eine abgöttische Liebe für das Leben. Nicht mehr und nicht weniger.

Erst später lernte ich, meiner eigenen Wahrnehmung wieder mehr zu vertrauen. Als Kind hatte ich oft gespürt, dass etwas nicht stimmte. Doch diese Wahrnehmung wurde mir durch Strafen, Nachsitzen und Anpassung Stück für Stück abtrainiert. Abgrenzung fühlte sich lange nicht wie Befreiung an, sondern wie Verrat: an Familie, Freunden und allem, was ich kannte. Erst mit Andreas erlebte ich eine Beziehung, in der Grenzen, Nähe, Kritik, Rückzug und Eigenständigkeit nebeneinander bestehen durften.

Nach Day Zero veränderte sich unser Blick. Plötzlich standen nicht mehr nur wir selbst im Mittelpunkt, sondern auch die Räume, in denen wir lebten, schliefen und arbeiteten. Viele Erinnerungen, Beschwerden und Verhaltensmuster erschienen in einem neuen Licht. Nicht alles war dadurch erklärt, aber vieles wurde erstmals überhaupt fragwürdig.

Bei Dicke Luft bin ich nicht nur redaktionell beteiligt, sondern als Mitautorin Teil der Geschichte. Ich war Gegenüber, Zeugin, Korrektiv und Mitgestalterin. Ich habe Andreas’ Erinnerungen mit meinen eigenen abgeglichen, Formulierungen hinterfragt, Zusammenhänge geprüft und darauf geachtet, dass aus persönlicher Erfahrung kein vorschnelles Urteil wird.

Ohne einen Teil gäbe es kein Ganzes. Ohne meinen Weg, meine Erlebnisse und meine Wahrnehmung gäbe es dieses Buch nicht in dieser Form. Ohne Andreas gäbe es dieses heutige Ich nicht, ohne mich nicht diesen Andreas — und ohne uns nicht Dicke Luft.

Dieses Buch ist für mich ein Versuch, aus einer schweren, aber nicht sinnlosen Lebensgeschichte etwas entstehen zu lassen. Ich möchte dazu beitragen, dass Menschen genauer hinschauen, wenn Beschwerden unerklärlich bleiben, und dass Innenräume nicht länger als neutrale Kulisse betrachtet werden. Denn manchmal ist nicht nur entscheidend, was in einem Menschen geschieht, sondern auch, worin er lebt.

Und wenn dieses Porträt ein Gefühl hinterlassen soll, dann dieses: Jeder Mensch ist wertvoll — und hat das Recht, das auch zu spüren.